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Grabungen am Rudersberg bei Calw

Die Kelten waren nicht die Ersten am Rudersberg bei Calw.
Mitglieder der Ortsgruppe Calw unterstützten archäologische Grabungen in über 2500 ehrenamtlichen Stunden

Von Hartmut Würfele

Etwas mehr als einen Kilometer südlich von Calw, am Ostrand des Schwarzwaldes, liegt in einer Flussschleife der Nagold, der Rudersberg. 416 Meter hoch ist der Umlaufberg, 80 Meter über der Talsohle erstreckt sich die etwa ein Hektar große längliche Bergkuppe. Auf der West- und Nordseite des Bergsattels finden sich heute noch die umfangreichen Reste einer doppelten Wallanlage: Ein innerer Wall mit einer maximalen Höhe von fast sechs Metern, der nach Norden hin abflacht. Ungefähr zehn Meter tiefer im Hang ist der äußere Wall noch erhalten. Er ist zehn Meter breit und teilweise 2,5 Meter hoch. Die Südseite der Kuppe zeigt keine Spuren einer Befestigung; hier aber fällt der Berg extrem steil hinab ins Tal der Nagold.

Der Orkan Lothar, der um die Mittagszeit am zweiten Weihnachtsfeiertag 1999 über dem Nordschwarzwald eine Spur der Verwüstung hinterließ, hat auch den Rudersberg nicht verschont. Das gesamte westliche Drittel der Gipfelkuppe wurde entwaldet. Im Wurzelwerk der zahlreich umgestürzten Bäume entdeckte Dietmar Beckmann von der Stadt Calw eine gestielte Silex-Pfeilspitze und ein Kratzer, aus der Zeit um 4000 vor Christus sowie zahlreiche Keramikscherben unterschiedlichster Z eitepochen (von 2200 bis 800 v. Chr.).

Schon lange war bekannt, dass es sich beim Rudersberg um eine keltische Fliehburg gehandelt hat. Gebäude oder Ruinen müssen noch in der frühen Neuzeit auf dem Berg gestanden haben. Auf der von Georg Gadner um 1591 angefertigten Karte vom "Wiltbader Vorst" sind entsprechende Eintragungen erkennbar. In der Beschreibung des Oberamts Calw von 1860 wird aufgeführt, dass dort eine Burg stand, die ebenfalls den Grafen von Calw gehörte. Wilhelm Mönch behauptet sogar in seiner "Heimatkunde vom Oberamt Calw" von 1925, dass die stattlichste Volksburg des gesamten Schwarzwaldes hier stand.

Die jetzt gemachten Funde waren für Archäologen und Historiker von großem Interesse, denn in der Folgezeit kamen auch noch vereinzelt Mauerreste zum Vorschein. Das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg entschloss sich deshalb, ab April 2002 archäologischen Grabungen durchzuführen um die Besiedlungsgeschichte des Rudersbergs noch genauer bestimmen zu können. Die Ortsgruppe Calw des Schwarzwaldvereines beteiligte sich mit viel Engagement an diesen Ausgrabungen, die von Dr. Günther Wieland und Dr. Folke Damminger geleitet wurden.
Nachdem die Humusschicht abgetragen war, konnte nur noch mit Spachtel, Küchenmesser und Staubsauger gearbeitet werden. Schicht um Schicht wurde sorgsam entfernt, damit ja nicht etwas historisch Bedeutendes übersehen wurde. Aber die Mühe hat sich gelohnt. Im Zentrum der Berghochfläche kam eine rechteckige Mauer von 15 auf 17 Metern zum Vorschein. Unter dem breitflächigen Versturz zeigte sich eine Mauerstruktur von ca. 80 Zentimetern Stärke. Sie besteht aus zwei Schalen, die Außenschale ist sorgsam behauen. In der Mitte ist die Mauer mit Sand und kleineren Steinen verfüllt, wobei zu vermuten ist, dass ein großer Teil der Schalensteine geraubt und für den Bau bzw. Wiederaufbau von Häusern in der Gegend verwendet wurde. Nach Einschätzung des Landesdenkmalamtes stammt das Gebäude aus der Zeit des früh- bis hochmittelalterlichen Landausbaus am Schwarzwaldrand (7. bis 9. Jahrhundert nach Chr.). Es ist die älteste Anlage diese Art in Baden-Württemberg. Leider ist bis heute noch nicht bekannt, welchem Zweck das Gebäude diente. Innenstrukturen fehlen ganz. Sicher ist aber, dass es Teil einer größeren Anlage gewesen sein muss.
Viel Zeit in Anspruch nahm 2003 auch die Fortführung des angelegten Schnittes am Wall auf der Nordseite des Berges. Durch die in filigraner Handarbeit in der Wallschüttung gemachten Keramikfunde lässt sich die Entstehung des ersten Walls jetzt eindeutig in die keltische Latènezeit (5. und 4. Jahrhundert v. Chr.) datieren. Viele Spuren verbrannter Holzreste bestätigen zudem, die schon vor Jahrzehnten geäußerte Vermutung, einer Holz-Erde-Stein-Konstruktion am Wall. Im frühen Mittelalter oder beginnenden Hochmittelalter wurde der Schutzwall offensichtlich wieder genutzt und mit einer Palisade versehen. Aus dieser Zeit stammt ein Reitersporn aus Eisen (7. Jahrhundert n. Chr.), der bei den Grabungsarbeiten gefunden wurde und gerade restauriert wird.
Der gesamte Grabungsbereich wurde immer wieder fotografiert und Stein für Stein des Mauerwerks sowie die Lage der Fundstücke akribisch auf Papier dokumentiert. Bei der sengenden Hitze des Jahrhundertsommers 2003 eine schweißtreibende Angelegenheit, die der Grabungsleiter vor Ort, Helmut Eberspächer und seine Helfer über sich ergehen lassen mussten. Leider konnten im Jahre 2004 die Ausgrabungen aus finanziellen Gründen nicht mehr fortgesetzt werden. Das freigelegte Mauerwerk und der Schnitt durch die Wallanlage wurden wieder mit Erde verfüllt und zugedeckt um sie vor dem Zerfall und für die Nachwelt zu erhalten.

Damit steht jetzt aber eindeutig fest, dass der Rudersberg bei Calw zwischen dem vierten Jahrtausend vor Christus bis ins späte Mittelalter immer wieder besiedelt war. Er diente den Kelten nicht nur als Fliehburg, sondern auch als Dauersiedlung. Die Auswertung des Fundmaterials belegt dies eindeutig, wie auch die Tatsache, dass die Befestigungsanlage um das vierte Jahrhundert vor Christus durch eine Brandkatastrophe zerstört worden ist. Der Rudersberg war damit neben den Schlossbergen von Nagold und Neuenbürg einer der drei wichtigsten Punkte vorchristlicher Zeit am Schwarzwaldrand.

Im Oktober 2004 wurden vom Schwarzwaldverein Calw, dem Landesdenkmalamt Baden-Württemberg sowie der Stadt Calw zwei Tafeln am Fuße des Berges und auf der Gipfelkuppe angebracht, die über die Geschichte des Rudersbergs, die Besiedelung und die Ausgrabungen informieren. Zahlreiche Sponsoren haben sich an den Kosten beteiligt. Bei der Enthüllung der Tafeln wurde von den Rednern das große Engagement des Schwarzwaldvereins hervorgehoben. Dreizehn Mitglieder haben in den letzten zwei Jahren über 2500 Stunden ehrenamtlich gearbeitet. Eine wahrhaft großartige Leistung, ohne die, die Ausgrabung nicht möglich gewesen wäre. Einig waren sich die Experten des Landesdenkmalamtes auch darin, dass der Berg noch viele Geheimnisse in sich birgt.